Hohe Regenmengen durch Vb-Wetterlage und Tief Gisela

In den Nachrichten und Medien taucht im Zusammenhang mit Wetter immer mal wieder der Begriff Vb-Wetterlage auf und damit verbunden Dauerregen und ergiebige Niederschlagsmengen. Aktuell bringt das Vb-artige Tief „Gisela“ dem Osten Deutschlands viel Regen, wobei bis Donnerstag früh in einem Zeitraum von 24 bis 36 Stunden gebietsweise Niederschlagsmengen von insgesamt 30 bis 50 l/m², in Sachsen lokal auch bis zu 90 l/m² zusammenkommen sollen.

Die Vb-Wetterlage

Von einer Vb-Wetterlage, ausgesprochen „Fünf-b-Wetterlage“ spricht man, wenn sich ein Tief etwa vom westlichen Mittelmeerraum über Norditalien vorbei an der Ostseite der Alpen bis nach Polen verlagert. Die Verlagerung von Hoch- und Tiefdruckgebieten wird vom Strömungsverlauf in höheren Luftschichten gesteuert, so bildet die Grundlage eines Vb-Tiefs ein sogenannter Trog tiefen Luftdrucks über West- und Mitteleuropa. Entsteht oder intensiviert sich dabei etwa über dem westlichen Mittelmeer ein Tief, wird dieses zunächst nach Osten und dann scharf Richtung Norden gelenkt.

Zugbahn eines typischen Vb-Tiefs
Zugbahn eines typischen Vb-Tiefs

Dabei wird über dem Mittelmeer feuchte Luft angezapft und das Tief saugt sich sozusagen mit Wasserdampf (potenziellem Niederschlag) voll. Im Bereich zwischen der warmen Luft, an der Ostflanke des Tiefs und kalter Luft auf der Rückseite kommt es dann zu Niederschlägen. Nicht selten sind diese langandauernd und intensiv. Zum Beispiel können viele Hochwasserereignisse auf eine Vb-Wetterlage zurückgeführt werden, wie beispielsweise die Hochwasserereignisse der Donau 2002 und 2013 oder auch das Oderhochwasser 1997.  

Tief „Gisela“ bringt viel Regen

Am 11.10.2020 bildete sich von einem über Norditalien gelegenen Tief ein kleines Randtief aus, das am 12.10. von der Berliner Wetterkarte auf den Namen „Gisela“ getauft wurde.

Berliner Wetterkarte vom 12.10.2020 von 02 Uhr MESZ
Berliner Wetterkarte vom 12.10.2020 von 02 Uhr MESZ

Das Tief zog von dort aus in einem kleinen Bogen Richtung Norden über Tschechien hinweg und lag heute früh, 14.10.2020, mit seinem Kern über Polen. Dabei setzten bereits am Dienstagabend vom Erzgebirge und der Neiße her erste Niederschläge in Sachsen ein. Bis zum Morgen bereitete sich der Regen dann weiter nördlich und westliche aus. In einem Zeitraum von 18 Stunden zwischen 18 Uhr des 13.10.2020 und 12 Uhr des 14.10.2020 wurden etwa südöstlich einer Linie Cottbus-Chemnitz bereits 40 bis lokal knapp 60 l/m² registriert. Die Karte zeigt dabei den Schwerpunkt der Niederschläge in der Nacht.

12-stündige Niederschlagsmengen vom 13.10.2020 20 Uhr MESZ bis heute früh 14.10.2020 8 Uhr MESZ (Daten: DWD/DTN)
Station18-stündige Niederschlagsmenge in l/m²
Weifa (Steinigtwolmsdorf)58,6
Altenberg/Erzgebirge52,2
Schland/Spree51,0
Dresden-Rossendorf49,6
Löbau47,3
Spitzenreiter: 18-stündige Niederschlagsmengen von 18 Uhr des 13.10. und 12 Uhr des 14.10.2020 (Daten: DWD/DTN)

Im Laufe der Nacht zum Donnerstag, 15.10.2020, soll das Tief „Gisela“ langsam nordöstlich in Richtung Russland ziehen und die Niederschläge schwächen sich ab. Bis dahin kann es aber vom Erzgebirge bis ins südliche Brandenburg sowie Raum Erfurt nochmals zu Mengen von 20 bis 50 l/m² kommen. Weiter nördlich und westlich davon werden gebietsweise Mengen von 10 bis 20 l/m² prognostiziert.

Erwartete 24-stündige Niederschlagsmengen vom 14.10.2020 8 Uhr MESZ bis 15.10.2020 8 Uhr MESZ (Daten: DTN)

Update 15.10.2020

Das Tief „Gisela“ zieht heute langsam nach Nordosteuropa und der Regen lässt weiter nach. Am Mittwoch hatte es jedoch vor allem in weiten Teilen Ostdeutschlands lange Zeit und oft mit mäßiger Intensität geregnet. Dabei kamen von Mittwochmorgen 8 Uhr MESZ bis heute früh, Donnerstag 15.10.2020, 8 Uhr MESZ nochmals ergiebige Mengen zustande.

24-stündige Niederschlagsmengen vom 14.10.2020 8 Uhr MESZ bis 15.10.2020 8 Uhr MESZ (Daten: DWD/DTN)

Der Schwerpunkt lag erneut in Sachsen mit Niederschlagsmengen von lokal bis zu 40 l/m², aber auch im Stau des Harzes fielen beachtliche Mengen. Die Station Harzgerode meldete eine 24-stündige Niederschlagsmenge von 62,2 l/m². Daneben fielen vom Erzgebirge bis ins südliche Brandenburg, Harz und Ostthüringen verbreitet 20 bis 35 l/m². In Vorpommern wurden stellenweise bis 25 l/m² registriert.

Insgesamt kamen in 36 Stunden zwischen 20 Uhr MESZ des 13.10. und 8 Uhr MESZ des 15.10.2020 in den oben beschriebenen Gebieten zwischen 20 und lokal knapp über 80 l/m² zusammen.

Station36-STÜNDIGE NIEDERSCHLAGSMENGE IN L/M²
Weifa (Steinigtwolmsdorf)81,1
Altenberg/Erzgebirge75,5
Sohland/Spree67,1
Schierke/Harz66,8
Altgeringswalde65,8
Carlsfeld64,5
Erlabrunn (Erzgebirge)64,4
Harzgerode63,7
Dippoldiswalde-Reinberg62,0
Löbau61,9
Spitzenreiter: 36-stündige Niederschlagsmengen von 20 Uhr des 13.10. und 8 Uhr des 15.10.2020 (Daten: DWD/ DTN)

Der Regen hat auch einige Gewässer gut gefüllt, sodass es zumindest für einzelne Flüsse wie beispielsweise die Lausitzer Neiße oder die Steinerne Renne im Harz für Alarmstufe 1 (Beginn der Ausuferung der Gewässer) gereicht hat (Quelle: https://www.hochwasserzentralen.de/).

Starker Wind und Sturmfluten

Wer gestern raus musste, der wird es teilweise schwer gehabt haben einen Regenschirm aufzuspannen, denn auch der Wind war nicht außer Acht zu lassen. Zwischen dem Tief „Gisela“ und dem Hoch „Ottmar“ über dem Nordatlantik waren die Luftdruckgegensätze stark ausgeprägt. So kam es neben dem oftmals mäßigem Regen auch zu starken bis stürmischen Böen der Beaufort-Stärke 6 bis 8. Sturmböen der Windstärke 9 (75 – 88 km/h) bis 10 (89 – 102 km/h) gab es an der Ostseeküste und in hohen Harzlagen.

höchste Windspitzen vom 14.10.2020 8 Uhr MESZ bis 15.10.2020 8 Uhr MESZ (Daten: DWD/DTN)

An der Ostsee kam es seit Ende März zum ersten Mal wieder zu einer Sturmflut. Dabei wurden Wasserstände von bis zu 1,40 Meter über Normal gemeldet (Quelle: https://www.bsh.de). Teilweise wurden küstennahe Straßen und Promenaden überflutet. Aber auch umgestürzte Bäume sorgten für Schäden besonders im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Nach den Meldungen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sinken die Pegelstände jedoch allmählich wieder, sodass bereits Entwarnung gegeben werden konnte.

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